Selbstverfolgung

Im Laufe der Jahre hatten … (sc. die) wuchtigen Sessel im Parkett jeweils vier Stempelabdrücke hinterlassen… Kreisrunde, münzgroße Vertiefungen.

Hatte die Putzfrau im Zimmer gesaugt oder verschob ein Gast die schweren Stühle, wurden diese von meiner Großmutter eigenhändig zurück auf ihre vier Markierungen gestellt. Dieser Moment war ein geradezu tiefenpsychologischer Offenbarungseid der großelterlichen Wesenswelt. Jeder Sessel hatte sich wie mit einem Fingerabdruck für alle Zeiten an ein und dieselbe Stelle gebannt. Dass meine Großeltern sogar glücklich dabei aussahen, wie Sessel und Sofa in die Abdrücke passten, machte die Sache endgültig absurd. Als wären sie erleichtert, die genau passenden Möbel für exakt ihre Dellen zu besitzen, rief meine Großmutter beim Zurechtrücken: „Ach Gott sei es gedankt, passt!“ Was für ein Wahnsinn, dachte ich mir, wie um alles in der Welt soll ein Sofa, das vier Abdrücke im Parkett hinterlassen hat, nicht in diese seine eigenen Abdrücke passen? …

Mich hat das alles immer schwer beschäftigt. Vielleicht ist ja das ganze Leben so, dachte ich: Man hinterlässt eine Spur. Dann überholt einen die eigene Spur. Und von da an verfolgt man sich selbst, versucht immer genau in dieser Spur zu bleiben, weil man sicher ist, das sei für einen der richtige, der einzig sichere Weg.

(Joachim Meyerhoff, Alle Toten fliegen hoch – Teil 3: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke, 26. Aufl. 2026, S. 296 ff.)

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