Herrschaft der Besten

In der Gesellschaftsgeschichte geht es stets um den Ver­such der Adelsbildung, sie ist deren Spitze und Krone, und irgendeine Art von Aristokratie, von Herrschaft der Besten, scheint das eigentliche, wenn auch nicht immer zugegebene Ziel und Ideal aller Versuche der Gesell­schaftsbildung zu sein. Stets hat die Macht, sei es eine monarchische oder eine anonyme, sich…

Das merkwürdig zweideutige Recht

Die Stellung der Magisterstellvertreter, auch „Schatten“ genannt, …, ist eine höchst eigentümliche. Jeder der Magister hat einen Stellvertreter, den ihm nicht etwa die Behörde zur Seite stellt, sondern den er selbst aus dem engeren Kreis seiner Kandidaten wählt und für dessen Handlungen und Unterschrift der Meister selbst, den er vertritt, die volle Verantwortung trägt. Es…

Mensch und Gott

[U]nsre Bestimmung ist, die Gegensätze richtig zu erkennen, erstens nämlich als Gegensätze, dann aber als die Pole einer Einheit. So ist es auch mit dem Glasperlenspiel. Die Künstlernaturen sind in dies Spiel verliebt, weil man darin phantasieren kann; die strengen Fachwissenschaftler verachten es – und auch manche Musiker tun es –, weil ihm jener Grad…

Das Gesetz der Welt erkennen

„Aber sagt mir, wie kommt es, daß Ihr das Rätsel der Bibliothek durch Betrachtung von außen habt lösen können, während es Euch verschlossen blieb, als Ihr drinnen wart?“ „Das ist wie mit dem Gesetz der Welt. Gott kennt es, weil er die Welt, bevor er sie schuf, in seinem Geist konzipierte, also gleichsam von außen…

Kummer schwimmt obenauf

Es war ein Auf-und-Ab-Tag im Hotel New Hampshire mit den ganzen Vorbereitungen für den Silvesterabend: ich erinnere mich, daß über uns allen etwas zu hängen schien, das die gewohnte Mischung von Albernheit und Traurigkeit noch übertraf, als werde uns von Zeit zu Zeit bewußt, daß wir um Iowa-Bob kaum trauerten, und manchmal auch, daß wir…

Der wahrhaft theologische Weg zum Heil

Ihr verlaßt Euch darauf, daß der Stolz mich an der zur Rettung notwendigen Zerknirschung hindern wird, und stellt dabei nicht in Rechnung, daß es eine stolze Zerknirschung gibt. Die Zerknirschung Kains, der der festen Meinung war, seine Sünde sei größer, als daß sie ihm je verziehen werden möchte. Die contritio ohne jede Hoffnung und als…

Das Leben ist nicht heikel, zum Teufel!

Deine Neigung, Freund, dem Objektiven, der sogenannten Wahrheit nachzufragen, das Subjektive, das reine Erlebnis als unwert zu verdächtigen, ist wahrhaft spießbürgerlich und überwindenswert. Du siehst mich, also bin ich dir. Lohnt es zu fragen, ob ich wirklich bin? Ist wirklich nicht, was wirkt, und Wahrheit nicht Erlebnis und Gefühl? Was dich erhöht, was dein Gefühl…

Beiläufige Unterrichtung

Mit aller Bestimmtheit will ich versichern, daß es keineswegs aus dem Wunsche geschieht, meine Person in den Vordergrund zu schieben, wenn ich diesen Mitteilungen über das Leben des verewigten Adrian Leverkühn, dieser ersten und gewiß sehr vorläufigen Biographie des teuren, vom Schicksal so furchtbar heimgesuchten, erhobenen und gestürzten Mannes und genialen Musikers, einige Worte über…

Verblendet

Was jetzt gebraucht wird, ist nicht Einheit, sondern die Ausformulierung der vorhandenen Differenzen… Ohne die DDR als basisdemokratische Alternative zu der von der Deutschen Bank unterhaltenen Demokratie der BRD wird Europa eine Filiale der USA sein. (Heiner Müller, Krieg ohne Schlacht – Leben in zwei Diktaturen, 1992, S. 425 f.)

Die Tragödie des Sozialismus

Das Dogma von der führenden Rolle der Staatspartei in allen Bereichen hat zur Stagnation in allen Bereichen geführt, zum Prinzip der negativen Auslese: Gesinnung vor Leistung, Sicherheit vor Produktion, zur Diktatur der Inkompetenz… Die Tragödie des Sozialismus ist die Trennung von Wissen und Macht. (Heiner Müller, Krieg ohne Schlacht – Leben in zwei Diktaturen, 1992,…

Requiem auf den Sozialismus

Ein andres Requiem auf das sozialistische Experiment in Osteuropa hat Äschylos geschrieben: So sprach der Adler, als er an dem Pfeil / Der ihn durchbohrte, das Gefieder sah: / So sind wir keinem anderen erlegen / Als unsrer eigenen Schwinge. (Heiner Müller, Krieg ohne Schlacht – Leben in zwei Diktaturen, 1992, S. 366)