Der ganze Mensch

Wenn Sie einem Menschen bloß die Taten glauben, die er wirklich getan hat, …, dann werden Sie ihn niemals kennenlernen… Als ob … all die Taten, die ungeschehen bleiben in unserem Leben, nicht auch zur Wahrheit unseres Lebens gehören… (Max Frisch, Rip van Winkle, in: Herr Biedermann und die Brandstifter, Rip van Winkle – Zwei Hörspiele,…

Ich bin nicht ich!

Das ist die Skizze von einem Menschen, der nie gelebt hat: weil er von sich selber forderte, so zu sein, wie die andern es von ihm forderten. Und eines Tages, als er aus diesem Spuk erwachte, siehe da … verurteilten (sc. sie) ihn zu sein, was er gewesen ist, und duldeten nicht seine Verwandlung. (Max…

Eine wahre Tragödie!

Seine wahre Tragödie, merkte er nun, lag darin, dass er unfähig war, seine Kenntnis einer anderen Welt, einer Welt jenseits Unwissenheit und Vergänglichkeit, jenseits Lachen und Weinen, den anderen mitzuteilen. (Henry Miller, Das Lächeln am Fuße der Leiter, 33. Aufl. 2019, S. 67)

Erkenntnis im Verzicht

Nun weiß ich, wer ich bin, was ich bin und was ich tun muss. Das ist die Wirklichkeit… Fraglich war nicht die Richtung, in der er aufbrechen… sollte, fraglicher war… Er versuchte, es sich selbst in sehr, sehr einfachen Worten zu erklären. War es nicht vielleicht so, dass er sich sehr wohl befand, so wie…

Wieder ein Mensch

Wie er so saß, …, fing er an zu begreifen, dass jenes abseitige Leben, das er eifersüchtig als sein alleiniges Eigentum bewacht hatte, diese heimliche Existenz, die scheinbar den innersten Kern seines Wesens bewahrte, letzten Endes kein Leben war, dass sie ein Nichts war, nicht einmal der Schatten eines Lebens. Zu leben begonnen hatte er…

Der Rolle ledig

Er vergaß sich in der Erfüllung der einfachen und harten Forderungen des Tages… Er fühlte sich frei, so frei, wie er sich als Mitspieler nie gefühlt hatte. Oh, es war wundervoll, der Rolle ledig zu sein und völlig einzutauchen in die gestaltlose Gleichförmigkeit des Lebens, ein Staubkorn zu werden unter Millionen und dabei… ja, und…

Sehnsucht: Resultat mangelhafter Erkenntnis

Denn der Mensch liebt und ehrt den Menschen, solange er ihn nicht zu beurteilen vermag, und die Sehnsucht ist ein Erzeugnis mangelhafter Erkenntnis. (Thomas Mann, Frühe Erzählungen – Der Tod in Venedig, S. 559 ff. [612] [Frankfurter Ausgabe, hrsg. v. Peter de Mendelssohn, 1981])

Augenbekanntschaft

Seltsamer, heikler ist nichts als das Verhältnis von Menschen, die sich nur mit den Augen kennen… (Thomas Mann, Frühe Erzählungen – Der Tod in Venedig, S. 559 ff. [612] [Frankfurter Ausgabe, hrsg. v. Peter de Mendelssohn, 1981])

Staatsreligion

Beginnt der Staat eine Religion zu haben, wenn der Mensch keine mehr hat?

Seit wann hat der Staat eine Religion?

Was Unbehagen an der Söderschen „Kreuzerhöhung“, was Pein an ihr bereitet, ist, dass sie einen Gegenstand des Individuellen in den Bereich des Staatlichen hievt. Indem der Staat sich eines solchen Gegenstands annimmt, ihn sich zu eigen macht („gut sichtbar“, wie es in der Regelung heißt), wird die Trennung zwischen Gesellschaft und Staat durchkreuzt: Der Staat…

Des Homo Dei Stand

… in der Mitte ist des Homo Dei Stand – inmitten zwischen Durchgängerei und Vernunft – wie auch sein Staat ist zwischen mystischer Gemeinschaft und windigem Einzeltum. (Thomas Mann, Der Zauberberg, S. 694 [Frankfurter Ausgabe, hrsg. v. Peter de Mendelssohn, 1981])

Die große Konfusion

Wer war denn nun eigentlich frei, wer fromm, was machte den wahren Stand und Staat des Menschen aus: der Untergang in der alles verschlingenden und ausgleichenden Gemeinschaft, der zugleich wüstlingshaft und asketisch war, oder das „kritische Subjekt“, bei welchem Windbeutelei und bürgerliche Tugendstrenge einander ins Gehege kamen? Ach, die Prinzipien und Aspekte kamen einander beständig…