Nichts ist leichter, als mit dem Finger auf andere zu zeigen, die noch ein Stückchen unter uns stehen, und sie zum Schreckgespenst zu machen, seine ganze Wut woanders abzuladen.
Man ist so lange auf den untersten Stufen der Gesellschaft, so lange hackt jemand auf dir herum, übergeht dich, bis für dich die Körper der Menschen, die noch ein Stück unter dir stehen, das Letzte sind, woran du wenigstens noch einen Hauch von Macht ausleben kannst. Noch gelingt es dir zu zeigen, dass ihre Körper nicht so ganz menschlich sind, dass ihnen etwas fehlt. Etwas, das du noch hast, noch bist du nicht ganz am Boden, noch kannst du dich nach vorn bewegen – und genau solchen Körpern muss die Hoffnung auf ein besseres Leben genommen werden. Die Grenze dessen, wer du bist, ist die Grenze deines Körpers, aber die Grenze deines Körpers gehört dir eben nie so ganz. Es genügt, dass jemand über dir zur Besinnung kommt und anfängt, sich aus verschiedenen Gründen und verdientermaßen für die ganz unten zu interessieren, ihnen zu helfen und ihnen das zu gewähren, was er ihnen bisher vorenthalten hat und was du schon längst hast. Du selbst kannst dir aber nicht helfen, du hast das Gefühl, dass die anderen dir die letzten Reste von Stolz vom Leib gerissen, dich um die letzte Gewissheit gebracht haben, die dich über Wasser gehalten hat – bis du schließlich genauso nicht zu sehen bist, wie vorher die anderen nicht zu sehen waren.
(Marek Torčík, Was die Zeit nicht nimmt, 2026, S. 167 f.)