Heidi und die Polizei

Alles Positive wurde nachträglich vergiftet. „Heidi“ etwa, „Heidi“ und die Polizei. In Aachen, fünf oder sechs Jahre zuvor, hatte sich mein Stiefvater eines Abends zu mir gesetzt und „Heidi“ mit mir gesehen, die Serie, die ich, wie alle, liebte. Wochen vorher hatten sie sich den Videorekorder gekauft, und ich hatte es schier nicht fassen können, dass man damit alles (auch „Heidi“) immer wieder sehen konnte. Es kam mir wie ein wahres Wunder vor: dass das Glück nun unendlich reproduzierbar wäre. Da ich sonst während dieser Zeit, und zwar zu meiner Freude und Erleichterung, eher vernachlässigt wurde (mein biologischer Vater hatte aus dem Nichts heraus einen Prozess angestrengt, um mich „aus diesen Verhältnissen“ herauszuholen, und war dann, als das nicht gelang, wieder ins Nichts zurückverschwunden, und meine Mutter hatte weinend mit dem Schreiben in der Hand gefragt: „Du bleibst doch bei mir?“), war die Zuwendung, die mir mein Stiefvater an diesem Abend entgegenbrachte, überraschend und befremdlich. Wo war denn meine Mutter? Keine Antwort. Wir saßen im Stockdunkeln, nur der Fernseher strahlte knallbunt in diesen japanisch aufgemotzten „Heidi“ Farben, und sahen wortlos Folge für Folge. Er hatte den Arm um mich gelegt und streichelte mich. Diese Nähe war neu und falsch, und dennoch genoss ich sie. Ich verstand nicht, dass er einfach wieder, wie so oft, volltrunken und vielleicht noch dicht von den Tabletten war, selbst wohl trostbedürftig, hatte noch nicht mitbekommen, dass es zuvor unten in irgendeinem Partykeller einen weiteren Aufruhr gegeben hatte, dass er ausgerastet war und meine Mutter und die Nachbarn bedroht, vielleicht auch geschlagen hatte. Lange dauerte die Session, ich roch seinen süßlichen Alkoholatem, den ich als solchen noch nicht identifizieren konnte. Dann klingelte es, und die Polizei stand vor der Tür. Großes Geschrei. Sie wollten ihn mitnehmen in ihren Uniformen, die Nachbarn standen dahinter, es gab eine Rangelei, Worte und Widerworte, meine Mutter weinte dazwischen. Diese Klangkulisse. Und ich war wieder allein mit „Heidi“, die nun sehr anders aussah.

So ging das immer wieder. Jede Zuwendung verlor im Rückblick ihren Wert.

(Thomas Melle, Die Welt im Rücken, 5. Aufl. 2016, S. 95 f.)

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