Früher bin ich ein Sammler gewesen. Süchtig nach Kultur, hatte ich mir über die Jahrzehnte eine imposante Bibliothek aufgebaut, die ich mit großer Liebe zum Detail ständig ergänzte und erweiterte. Mein Herz hing an diesen Büchern, und ich liebte es, im Rücken all die Schriftsteller zu wissen, die mich früher geprägt und begeistert hatten, dazu die Kollegen, deren Neuerscheinungen mir immer wieder vor Augen führten, dass die Zeit voranschritt und die Dinge sich änderten. Ich hatte die Bücher nicht alle gelesen, aber ich brauchte sie alle, und ich konnte jederzeit nachlesen, was ich wollte, und mich in einem Buch erneut oder erstmals verlieren. Meine Musiksammlung war ebenfalls beachtlich gewesen… Die Sammlung und Bibliothek waren auch bei mir zu einem Bestandteil meiner Persönlichkeit geworden. Seltsam, sein Ich in die Dinge um einen herum zu projizieren. Seltsamer allerdings, diese Dinge zu verschleudern, ohne es eigentlich zu wollen.
Ich vermisse diese Bücher noch heute.
(Thomas Melle, Die Welt im Rücken, 5. Aufl. 2016, S. 8 f.)