Ein ehrlicher Abschied … – das wäre der Versuch gewesen, … zu einem Einverständnis darüber zu gelangen, wie es mit uns … gewesen ist. Denn das ist der Sinn eines Abschieds im vollen, gewichtigen Sinne des Worts: daß sich die beiden Menschen, bevor sie auseinandergehen, darüber verständigen, wie sie sich gesehen und erlebt haben. Was zwischen ihnen geglückt und was mißlungen ist. Dazu gehört Furchtlosigkeit: Man muß den Schmerz über Dissonanzen aushalten können. Es geht darum, auch das, was unmöglich war, anzuerkennen. Sich verabschieden, das ist auch etwas, das man mit sich selbst macht: zu sich selbst stehen unter dem Blick des Anderen.
(Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon, 3. Aufl. 2006, S. 358 f.)