Die Seele, …, sie ist eine pure Erfindung, unsere genialste Erfindung, und ihre Genialität liegt in der Suggestion, der überwältigend plausiblen Suggestion, daß es an der Seele etwas zu entdecken gibt wie an einem wirklichen Stück Welt. Die Wahrheit, …, ist eine ganz andere: Wir haben die Seele erfunden, um einen Gesprächsgegenstand zu haben, etwas,…
Kategorie: Bild und Wort
Zu sich selbst stehen unter dem Blick des Anderen
Ein ehrlicher Abschied … – das wäre der Versuch gewesen, … zu einem Einverständnis darüber zu gelangen, wie es mit uns … gewesen ist. Denn das ist der Sinn eines Abschieds im vollen, gewichtigen Sinne des Worts: daß sich die beiden Menschen, bevor sie auseinandergehen, darüber verständigen, wie sie sich gesehen und erlebt haben. Was…
Wer Selbstbestimmung besitzt
Selbstbestimmung…, die einer doch nur in dem Maße hat, in dem er versteht, sich zur Sprache zu bringen… (Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon, 3. Aufl. 2006, S. 323)
Wenn die Zeit eines Lebens knapp wird
Wenn die Zeit eines Lebens knapp wird, gelten keine Regeln mehr. Und dann sieht es aus, als sei man übergeschnappt und reif für die Klapsmühle. Doch im Grunde ist es umgekehrt: Dort gehören diejenigen hin, die nicht wahrhaben wollen, daß die Zeit knapp wird. Diejenigen, die weitermachen, als sei nichts. (Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon, 3….
Die Brandspuren des elterlichen Wollens und Fürchtens
Ich erzittere beim bloßen Gedanken an die ungeplante und unbekannte, doch unausweichliche und unaufhaltsame Wucht, mit der Eltern in ihren Kindern Spuren hinterlassen, die sich, wie Brandspuren, nie mehr werden tilgen lassen. Die Umrisse des elterlichen Wollens und Fürchtens schreiben sich mit glühendem Griffel in die Seelen der Kleinen, die voller Ohnmacht sind und voller…
Das Wunder der Sprache
Ich glaube, eine Sache ausdrücken heißt, ihre Kraft bewahren und ihr den Schrecken nehmen, schreibt Pessoa. (Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon, 3. Aufl. 2006, S. 301)
Innere und äußere Bewegung
Es ist ein Fehler, ein unsinniger Gewaltakt, wenn wir uns auf das Hier und Jetzt konzentrieren in der Überzeugung, damit das Wesentliche zu erfassen. Worauf es ankäme, wäre, sich sicher und gelassen, mit dem angemessenen Humor und der angemessenen Melancholie, in der zeitlich und räumlich ausgebreiteten inneren Landschaft zu bewegen, die wir sind. Warum bedauern…
Keine Angst vor dem Tod!
Und so könnte man die Angst vor dem Tod beschreiben als die Angst, nicht der werden zu können, auf den hin man sich angelegt hat. (Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon, 3. Aufl. 2006, S. 243)
Wann man seine Liebe nicht ganz für sich allein haben kann
Sie hatte den Bruder ganz für sich haben wollen und hatte gespürt, daß man niemanden für sich haben kann, der mit sich nicht im reinen ist. (Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon, 3. Aufl. 2006, S. 231)
Die unterschiedlichen Bestechlichkeiten des Körpers und des Geistes
Auch hier bestätigt sich, …, ganz gegen das ursprüngliche Temperament meines Denkens: daß der Körper weniger bestechlich ist als der Geist. Der Geist, er ist ein charmanter Schauplatz von Selbsttäuschungen, gewoben aus schönen, besänftigenden Worten, die uns eine irrtumsfreie Vertrautheit mit uns selbst vorgaukeln, eine Nähe des Erkennens, die uns davor feit, von uns selbst…
Der beste Weg, sich seiner selbst zu vergewissern
War es möglich, daß der beste Weg, sich seiner selbst zu vergewissern, darin bestand, einen anderen kennen und verstehen zu lernen? Einen, dessen Leben ganz anders verlaufen war und eine ganz andere Logik besessen hatte als das eigene? (Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon, 3. Aufl. 2006, S. 119)
Von der Unmöglichkeit, standzuhalten
Doch alles, was uns Beständigkeit, Vertrautheit und intimes Wissen vorgaukelt: Ist es nicht eine zur Beruhigung erfundene Täuschung, mit der wir die flackernde, verstörende Flüchtigkeit zu überdecken und zu bannen suchen, weil es uns unmöglich wäre, ihr in jedem Augenblick standzuhalten? (Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon, 3. Aufl. 2006, S. 116)