Als Verrückter erkennt man oft die Verrücktheiten der anderen, nur die eigene ist einem völlig unersichtlich. (Thomas Melle, Die Welt im Rücken, 5. Aufl. 2016, S. 258)
Autor: Dr. Georg Neureither
Normgebete
Gott hatte ich verloren, als ich das Beten optimierte. Seit frühester Kindheit hatte ich jeden Abend zwei lange Normgebete gesprochen, und zwar mit enervierender, masochistischer Langsamkeit, um bloß nicht der Eile und Oberflächlichkeit bezichtigt werden zu können. Zwischen beiden hatte ich immer ein ziemlich langes Zwiegespräch mit Gott geführt, eine tatsächliche Rekapitulation des Tages vorgenommen…
Berlin
… da, wo die Deppen aus Stumpfsinn hinzieh`n. (Thomas Melle, Die Welt im Rücken, 5. Aufl. 2016, S. 211)
Grundzerstörtheit
Hatte ich mich in den Jahren … völlig regeneriert, ein Leben geführt, das zukunftsoffen und voller Möglichkeiten war, echte Beziehungen zuließ und Geist und Stimmung eigentlich restlos wiederherstellte, nur leicht angeschrammt, erschrocken vom adoleszenten Abgrund – so blieb jetzt eine Grundzerstörtheit in mir übrig, die ich nicht mehr loswurde. Es war nicht mehr ganz zu…
Die Natur der Schrift
Die Natur der Schrift ist Verrat, nicht zuletzt Selbstverrat. (Thomas Melle, Die Welt im Rücken, 5. Aufl. 2016, S. 194)
Die Lüftung im Badezimmer
Wieder drängte sich die Lüftung im Badezimmer ins Bewusstsein… Banal brauste sie auf, wenn ich das Bad betrat, mit einem Hauch unheimlicher Vernichtung darin. (Thomas Melle, Die Welt im Rücken, 5. Aufl. 2016, S. 193)
Die Großstadt
Ein Wutanfall ohne besonderen Grund kam bald über mich… Dann ritzte ich Beethovens Schicksalsmotiv gedoppelt in die Raufasertapete an der Wand über meinem Bett. Es brachte nichts. Dann fing ich an, Bücher und Platten aus dem Fenster zu werfen… Die Sachen krachten und knallten in den Hinterhof, machten großen Lärm; ich schmiss, was mir in…
Das Wirtschaftssystem
Manche machen bloß aus Steuergründen Schulden. Und ist das Wirtschaftssystem nicht ebenso manisch und irrational, wenn es fiebrig Schulden anhäuft und die Zukunft als Wette ansieht…? (Thomas Melle, Die Welt im Rücken, 5. Aufl. 2016, S. 174)
Das Theater
Das Theater ist ja, zumal in der Provinz, ein einziger Säuferverein. In trostlosen Kantinen und holzvertäfelten Kneipen kippt man Biere und Kurze und verlallt sich die schiere Unentrinnbarkeit zu einem schummrigen Zusammengehörigkeitsgefühl zurecht. Dazu sind Psychodynamiken am Werk, die denen einer dysfunktionalen Familie ähneln, jedoch im Zeitraffer durchgespielt. Man hängt aufeinander, spielt die intensivsten Rollen…
Dahinleben
… halbfokussiert und stabil… (Thomas Melle, Die Welt im Rücken, 5. Aufl. 2016, S. 140)
Der Computer quält dein Kind
Zitat des Tages: „Diese Alternativen ließen sich vor Kernkraftwerken oder auf Raketentransportwegen mit Wasserwerfern und Schlagstöcken traktieren. Für uns frühreife Keyboard-Kinder waren solche Kämpfe Rückzugsgefechte sterbender Mächte. Ich habe physische Gewalt in jenen Jahren (auch privat) meist als Ausdruck von Hilf- und letztlich Chancenlosigkeit der Wütenden gedeutet (großer Irrtum, kleiner Mann).“
Heillos
Alles ist legitimiert vor diesem heillosen Unrecht. (Thomas Melle, Die Welt im Rücken, 5. Aufl. 2016, S. 136)